Geschichte eines Waldes

Der Märchenwald Einbeck in Höhenlage der Hube liegt auf einem sanft nach Norden abfallenden Hang, der als das "Wendfeld" bezeichnet wird. Die Flurbezeichnung ist identisch mit dem Namen der mittelalterlichen Wüstung Wendfeld (auch Winenvelde, Winnefelde oder Wendefeld geschrieben), der als "gewonnenes Feld" gedeutet wird und im niedersächsischen Bergland häufiger vorkommt. Namensgebend war offenbar dem Wald abgetrotztes Ackerland.

Die Siedlung Wendfeld bei Einbeck lag an der Südostecke des heutigen Märchenwaldes. Vermutlich waren es nur wenige Bauernhäuser. Im Umfeld könnten sich als Acker genutzte Rodungsflächen auf den tiefgründigeren lehmigen Lagen sich mit Waldweide auf flachgründigeren Kalksteinlagen abgewechselt haben. Da die Quelle am Siedlungsplatz nicht ganzjährig schüttet, muss die Wasserversorgung über Brunnen erfolgt sein.

Im Mittelalter das "Wendfeld"

Heute fallen keine Spuren mehr vom Dorf und der Ackernutzung auf.
Wölbäcker und auffällige Lesesteinhaufen fehlen im Märchenwald. Die Siedlungsphase scheint zu kurz gewesen zu sein, um solche Spuren zu hinterlassen.

Möglicherweise entstand Wendfeld in einer hochmittelalterlichen Expansionsphase der Landwirtschaft und fiel bald wüst. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Etwa Auflassen der nach Norden ausgerichteten Felder in Folge Klimaänderung, Siedlungsaufgabe wegen Seuchen, Kriegen oder Umsiedlung in die Stadt Einbeck. Die Pest traf Einbeck ab 1349 mehrfach und ab 1350 bzw. 1400 traten auch erste Vorboten der "kleinen Eiszeit" auf.

Jedenfalls ist das Wendfeld in der Kurhannoverschen Karte von 1783 wieder geschlossen bewaldet und Teil vom Stadtwald; ebenso wie in der "Ichonographia des Einbeckischen Stadt-Geholtzes" von 1621. Nur eine Wiese im Südosten kennzeichnete damals die ehemalige Dorfstelle Winnefelde.

Wälder, die wie der Märchenwald seit mindestens 200 Jahren kontinuierlich bewaldet waren, gelten als "historisch alte Wälder". Wegen ihrer höheren Vielfalt an Waldarten zum Beispiel in der Bodenvegetation gelten sie als schützenswerter, als neuere Aufforstungen.

Zwei lokale Sagen, die Georg Schambach und Wilhelm Müller im Band "Niedersächsische Sagen und Märchen" im Jahr 1855 veröffentlicht haben, berichten von der Wiederbewaldung von Wendfeld und Märchenwald:

Das Wendfeld bei Einbeck
(Einbecker Version)

Der Theil des Einbecker Holzes, welcher sich links von den Hubewiesen, vom Hubehause bis zum Greener Wege, erstreckt, ist das sogenannte Wendfeld. Früher war es Ackerland und gehörte zu der Braunschweigischen Domäne in Greene. Doch da es die Einbecker seit langer Zeit in Pacht gehabt hatten, so nahmen sie es endlich als ihr Eigenthum in Anspruch. Darüber entstand ein Prozeß, der aber zu Gunsten der Herzoglich Braunschweigischen Domäne mit dem Zusatze entschieden wurde, daß die Einbecker noch eine Ernte von dem Lande haben sollten. Diese besäeten nun das Land mit Eichen, und die Zeit hat sie zu Eigenthümern des Landes gemacht. So wird in Einbeck erzählt.

Das Wendfeld bei Einbeck
(Brunsener Version)

Nach einem Berichte aus Brunsen soll das Wendfeld, welches dort gewöhnlich das Junkernholz genannt wird, ursprünglich zwei alten Nonnen gehört haben, die sich in Brunsen aufhielten. Diese wollten dasselbe auch der Gemeinde Brunsen vermachen, wenn man sie dafür bis zu ihrem Tode unterhalten wollte. Doch die Bauern wollten davon nichts wissen, weil sie doch Holz genug hatten. Darauf gingen die beiden Nonnen nach Einbeck, wo sie auch aufgenommen wurden. Dafür vermachten sie den Einbeckern das genannte Holz, mit der Bedingung, daß es, wenn es einmal abgeerntet wäre, wieder an Braunschweig zurückfallen solle. Die Einbecker haben aber Eichen darauf gesäet, und so ist es bei Einbeck geblieben. 

Als aktuelle Ergänzung könnte den beiden Sagen angefügt werden:
Damit nicht die letzten der vormals gepflanzten Eichen abgeerntet werden, stoppten die Einbecker jede Holznutzung. So fiel jener Teil vom Wendfeld, der Märchenwald genannt wird, nie mehr an Braunschweig zurück.

Beide Sagen überliefern die Information, dass Teile des Wendfelds planmäßig mit Eichen aufgeforstet wurde. Außerdem benennen sie Grenzstreitigkeiten mit Braunschweig. Tatsächlich verlief die Einbecker Stadtgrenze und zeitweise ab etwa dem 12. Jahrhundert die Grenze zum Fürsten- bzw. Herzogtum Braunschweig am Nordrand des Wendfelds.

Jahrhundertelang eine Grenze

Vermutlich im 14. Jahrhundert sicherte Einbeck diese Grenze mit einer Landwehr ab – einem Wall, der mit einer für Reiter undurchdringlichen Dornenhecke bepflanzt war. Der Wall ist am Nord- und Nordostrand vom Märchenwaldes gut zu erkennen und stellt auch heute noch die Stadtforstgrenze dar.

In einer Urkunde von Herzog Friedrich Ulrich zu Braunschweig von 1620 wird ein ein Gerichtsverfahren belegt: Zur Beilegung eines Streits um herzogliche Jagdrechte und Huterechte auf dem 360 Morgen großen Wendfeld, zahlte die Stadt Einbeck dem Herzog eine Abfindung. Demnach müssen im Jahr 1620 wenigstens Teile vom etwa 100 Hektar großen Wendfeld Wald mit Waldweidenutzung gewesen sein.

1621 gab die Stadt Einbeck Karte bereits eine Karte des "Einbeckischen Stadt-Geholtzes" in Auftrag. Darin wird der Stadtwald strikt in das "Buch-Holtz" und das "Eich-Holtz oder Wendfeld" unterteilt.

Früheste forstliche Beschreibungen zum Stadtwald existieren aus dem Jahr 1747. Er wird als Mittelwald mit Buchen, Eichen, Eschen, Ahorn und Hainbuchen bezeichnet. Das Holz (Bauholz) soll von mäßiger Qualität gewesen sein, sich aber in den Folgejahren verbessert haben.

Diese Angaben klingen nach einer Regeneration von im 17. und frühen 18. Jahrhundert übernutzten Holzbeständen. Interessanterweise stammen die ältesten Eichen im Märchenwald auch aus der Zeit um 1750.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden erste Fichten in den Märchenwald angepflanzt. Auf der topografischen Karte von 1876 (Preussische Landesaufnahme) ist der heute nördlich anschließende Wald noch Wiese. Der nordöstlich an den Märchenwald angrenzende Liethgrund war damals ein schmaler Offenlandstreifen im Laubwald.

Für die Jahre 1907 bzw. 1918 vermerkt das Kulturmerkbuch die Neupflanzung von Eichen, Buchen und in der Westhälfte (Forstabteilung 40) auch von Bergahorn.

Aus den 1930er Jahren existieren genaue Skizzen der Baumverteilung mit Aufzeichnungen des Baumalters. Damals waren die Eichen 10 bis 180 Jahre alt; somit dürften die ältesten Eichen heute über 250 Jahre alt sein. Buchen wurden mit bis zu 100 Jahren angegeben (heute über 170 Jahre). Einige Lärchen und Fichten sind 1930 gepflanzt worden.

Interessant sind die Angaben zur weiteren Bewirtschaftung. Da heißt es, dass die Mittelwaldbestände "aus best. Gründen in der kommenden Periode nicht umgewandelt werden könnten" und daher nur Pflegemaßnahmen und Aushieb einzelner Stämme erfolgen soll. Damit entging der Märchenwald der Umwandlung in einen üblichen hochwaldartigen Wirtschaftswald.

Seit 1955 gibt es Aufzeichnungen zum Märchenwald im 10-Jahres Turnus. 1950 wurde u. a. im Norden eine Reihe von Pappeln gepflanzt. Die Bewirtschaftung konzentrierte sich auf Eichen, Eschen und Bergahorn als Werthölzer.

Anfang Mai 2013 erfolgte als letzte forstliche Maßnahme die Pflanzung von 40 Eichen in einer durch den Holzeinschlag von alten Eschen entstandenen Lichtung im Märchenwald. Seither bleibt dieser Wald der natürlichen Entwicklung überlassen – der Mensch nimmt nur noch Beobachterfunktion ein.

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