Moose im Märchenwald

Wie kommt der Wolfsfuß in den Märchenwald?

Aus unseren Märchen ist der Wolf nicht wegzudenken – umso erfreulicher, dass er auch im Märchenwald "seine Spuren" hinterlassen hat. Tatsächlich gehört etwas Phantasie dazu, in den Moospflanzen des Wolfsfußes tatsächlich die Beine, Pfoten oder Krallen eines Wolfes zu erkennen.

Von den fünf einheimischen Arten der Gattung Wolfsfuß (Anomodon) kommen immerhin drei im Märchenwald vor, nämlich Dünnästiger, Echter und Langblättriger Wolfsfuß. Sie sagen bereits einiges über die typischen Standortbedingungen im Märchenwald aus, denn alle Arten der Gattung sind Zeiger für kalkreiche, schattige und naturnahe Bedingungen.

Die deutschen Bezeichnungen von Moosen sind oft phantasievoll und mitunter haben Tiere als Namensgeber gedient: Etwa beim Gegabelten Igelhaubenmoos (Metzgeria furcata) oder beim Straußenfedermoos (Ctenidium molluscum), die ebenfalls beide im Gebiet auftreten.

Für diesen Text wurden jeweils die anschaulichsten deutschen Bezeichnungen verschiedener Bestimmungsbücher ausgewählt. Die wissenschaftlichen Bezeichnungen richten sich dagegen nach der aktuellen Roten Liste und Gesamtartenliste der Moose in Niedersachsen und Bremen (Koperski 2011).

Wo kommen Moose im Märchenwald vor?

Als konkurrenzschwache Pflanzen besiedeln Moose gerne Sonderstandorte, an denen Gefäßpflanzen nur schwierig Fuß fassen können (wie z.B. Felsen und Totholz) oder sie benutzen ihre "größten Konkurrenten" gleich selbst als Substrat und wachsen auf der Rinde von Gehölzen. Die Fotos auf dieser Seite veranschaulichen die Moosflora des Gebietes anhand verschiedener Arten:

  • Rinde lebender Bäume: Neben dem häufigen Echten Zypressen-Schlafmoos (Hypnum cupressiforme) treten u.a. verschiedene Goldhaarmoose auf. Es handelt sich um das Verwandte Goldhaarmoos (Orthotrichum affine) und Gelbhaubiges Goldhaarmoos (Orthotrichum stramineum). Vereinzelt kommt auch Bruchs Krausblattmoos (Ulota bruchii) auf Baumrinde vor.

  • Stammfußbereich von Bäumen: Neben den bereits erwähnten Wolfsfüßen kommen hier das Farnähnliche Flachmoos (Homalia trichomanoides) und das Neckermoos (Neckera complanata) vor.

  • Totholz: Neben häufigeren Arten wie dem Echten Zypressen-Schlafmoos (Hypnum cupressiforme), Krücken-Kegelmoos (Brachythecium rutabulum), Baumstumpen-Moos (Herzogiella seligeri) und Verschiedenblättrigem Kammkelchmoos (Lophocolea heterophylla) kommt auf einem kaum vermorschten Stamm in der Talmulde am Nordwestrand eine in ganz Niedersachsen seltene Art vor. Es handelt sich um das Peitschen-Gabelzahnmoos (Dicranum flagellare). Die Verbreitung in Deutschland ist hier verlinkt.
  • Gestein: In kleinen, ehemaligen Steinbrüchen im südwestlichen Teil des Gebietes und auf größeren Steinen kommen u.a. Mäuseschwanz-Moos (Isothecium alopecuroides) und Spitzblättriges Sternmoos (Plagiomnium cuspidatum) vor. Selten ist das Fuchsschwanz-Bäumchenmoos (Thamnobryum alopecurum).

Wieviele Moose wachsen hier?

Bei mehrstündigen Begehungen im Juni 2013 und Mai 2014 wurden insgesamt 86 Arten festgestellt.

Die Gesamtartenliste steht im Bereich Infothek zum Download zur Verfügung. Sie enthält auch Angaben zur Roten Liste und zur Einstufung der Arten als Alt- bzw. Naturwaldzeiger (s.u.). Wie in Mitteleuropa üblich, überwiegen im Märchenwald deutlich die Laubmoose. Unter den 9 nachgewiesenen Lebermoosen befinden sich auch zwei thallose Arten. Unter den Laubmoosen überwiegt die Wuchsform der seitenfrüchtigen (pleurokarpen) Moose gegenüber den gipfelfrüchtigen (akrokarpen) Arten.

Viele der nachgewiesenen Arten können als Kalkzeiger angesehen werden, was sich gut mit der Flora der Gefäßpflanzen deckt. Im Gegensatz zu den höheren Pflanzen finden sich in der Moosflora aber auch ein großer Teil von Arten, die für saure Standorte charakteristisch ist. Diese sind im Gebiet z.B. in Form kleiner ausgehagerter Böschungen und von Totholz zu finden.

 
Gefährdete Moose und Rückschlüsse auf das Gebiet

Nach der aktuellen Roten Liste (KOPERSKI 2011) kommen zwei Arten vor, die im Niedersächsischen Berg- und Hügelland gefährdet sind (Kategorie 3: Peitschen-Gabelzahnmoos und Glattfrüchtiges Goldhaarmoos). Eine weitere Art steht auf der Vorwarnliste (Kategorie V: Langblättriger Wolfsfuß). Stark gefährdet (Kategorie 2) und nach der europäischen FFH-Richtlinie besonders schützenswert ist das spärlich vorkommende Grüne Gabelzahnmoos. Die auch 'Grünes Besenmoos' genannte Art steht im Anhang II der FFH-Richtlinie und benötigt alte, luftfeuchte Laubwälder. Anahng II bedeutet, dass zum Schutz der Art der Lebensraum als Schutzgebiet ausgewieen werden muss.

Weiterhin ist der Märchenwald durch Arten gekennzeichnet, die nach FICHTNER & LÜDERITZ (2013) als Altwald- bzw. Naturwaldzeiger gelten. Die Begriffe sind folgendermaßen definiert:

  • Altwaldzeiger: Bindung an historisch alte (> 200 Jahre) Wälder mit naturnaher Strukturausstattung und naturnahen Standortsfaktoren.
  • Naturwaldzeiger: Bindung an Wälder mit naturnaher Strukturausstattung sowie naturnahen Standortsfaktoren.

Im Märchenwald kommen von diesen Arten u.a. Breites Sackmoos (Frullania dilatata), Gegabeltes Igelhaubenmoos (Metzgeria furcata), Flachblättriges Kratzmoos (Radula complanata), Peitschen-Gabelzahnmoos (Dicranum flagellare) und Neckermoos (Neckera complanata) vor.

Die Signalarten von FICHTNER & LÜDERITZ beziehen sich in erster Linie auf Schleswig-Holstein, für Niedersachsen gibt es noch keine entsprechende Übersicht. Aber man kann sicher davon ausgehen, dass die Angaben auch für viele Arten des Märchenwaldes zutreffen. Somit zeigen auch die Moose, dass es sich beim Märchenwald um einen historisch alten Wald handelt, der eine naturnahe Strukturausstattung (u.a. viel Totholz) und naturnahe Standortfaktoren aufweist.

Moose für Mensch und Tier

Moose werden zwar oft nur als "Störenfriede" im Rasen oder auf Mauern wahrgenommen, doch sie haben viele wichtige Funktionen im Naturhaushalt und somit auch für den Menschen. Hier eine Auswahl nach Düll & Düll-Wunder (2008).

  • Moose treten als erste Besiedler von nacktem Boden oder Gestein auf. Sie bereiten durch die Bildung von Humus die Standorte für Gefäßpflanzen vor und dienen als Bodenbefestiger.
  • Moose können große Mengen Wasser speichern und tragen somit zur Regulation des Wasserhaushalts bei. Insbesondere gilt das für Torfmoose, die aber im Gebiet nicht vorkommen.
  • Moose bieten vielen Pflanzen ein Keimbett.
  • Moose sind Lebensraum zahlreicher Kleinstlebewesen.
  • Moose sind gute Bioindikatoren, das Vorkommen einer Moosart erlaubt Rückschlüsse auf die ökologischen Bedingungen am Wuchsort.
  • Moose sind wunderschön; ob als dichter Pelz an Bäumen und Felsen in einem luftfeuchten Wald oder als einzelne Pflanze unter der Lupe; ihre Betrachtung birgt einen großen Reiz. In manchen Kulturen sind sie sogar fester Bestandteil der Gartenplanung.


Kurioses über die Moose im Märchenwald

Kaum zu glauben, aber eine Moosart des Märchenwaldes riecht ganz auffällig nach Salatgurke. Es handelt sich um das Gurkenmoos (Taxiphyllum wissgrillii). Die Kammkelchmoose (Lophocolea) enthalten dagegen Inhaltsstoffe, die beim Reiben einen typischen, moderigen Geruch verströmen lassen.


Herangezogene Literatur

DÜLL & DÜLL-WUNDER (2008):
Moose einfach und sicher bestimmen. Ein illustrierter Exkursionsführer. – Wiebelsheim. 471 S.

FICHTNER, A, LÜDERITZ, M. (2013):
Signalarten – ein praxisnaher Beitrag zur Erfassung der Naturnähe und Biodiversität in Wäldern. - Natur & Landschaft 9/10: 392-399.

KOPERSKI, M. (2011):
Rote Liste und Gesamtartenliste der Moose in Niedersachsen und Bremen - 3. Fassung, Stand 2011, unter Mitarbeit von M. Preußing (Südniedersachsen). - Inform.d. Naturschutz Niedersachs. 31 (3): 131-205. Hannover.

 
Ausgewählte Internet-Links

Verbreitungskarten und Abbildungen aller heimischen Moose:
www.moose-deutschland.de

Abbildungen aller heimischen Laubmoose:
www.bildatlas-moose.de

Moosflora der Schweiz:
www.swissbryophytes.ch

Hinweis: Die Fotos können durch
Anklicken vergrößert werden.
Das Titelbild zeigt das häufige Wellenblättrige Schiefsternmoos (Plagiomnium undulatum).
 

Text von Gunnar Waesch und Markus Preußing. Fotos: Gunnar Waesch.
Die Moosuntersuchung hat der NABU Dassel / Einbeck mit 500,-€ gesponsert.